Offline

Konzentriert sitze ich an einer Aufgabe, da leuchtet mein Handy auf. Schnell greif ich danach und schau mir die eingehende Push-Notification an. Es ist nichts Wichtiges, aber wenn ich das Smartphone jetzt eh schon mal in der Hand habe, kann ich auch gleich noch mal schnell meine E-Mails checken denke ich, den Blick nach unten gerichtet, meine Finger bewegen sich hastig über den kleinen Bildschirm. Nach ein paar Minuten lege ich es wieder zur Seite, schaue auf meinen Laptop und frage mich, wo ich eigentlich gerade war. Ach ja, das Projekt. Weiter geht’s. Aber meine Aufmerksamkeit hält nicht lange an, denn… ach ihr wisst schon.

 

Auch in anderen Lebenssituationen ist das Handy plötzlich dauerpräsent. Ob in der Bahn, im Fitnessstudio oder im Wartezimmer beim Arzt. Selbst die Generation unserer Eltern legt das Handy im Restaurant für alle sichtbar auf den Tisch und spielt damit rum. Tun also genau das, bei dem sie uns früher immer wieder mit einem strengen Blick ermahnt haben. Heutzutage sieht man nicht selten Paare oder Familien im Restaurant sitzen, wo jeder seinen Blick auf sein eigenes Smartphone gerichtet hat. Familienzeit? Fehlanzeige!

 

Kein Wunder, dass immer mehr Menschen von ihrem Smartphone genervt sind und fast schon süchtig danach sind. Auch ich fühlte mich in den vergangenen Monaten zunehmend gestresst durch den immer wieder kehrenden Impuls noch mal schnell online zu gehen. Nur mal kurz bei Instagram schauen, nur schnell was bei Facebook posten oder mal eben die Whats-App-Nachrichten checken. Was folgt: Ewiges Rumscrollen, liken und Stories schauen. Und am Ende: Huch, schon so spät? Jetzt muss ich aber dringend schlafen! Schade, eigentlich wollte ich doch heute  Abend noch gemütlich mein Buch lesen. Und meine Freundin anrufen. Naja, dann morgen. Schnell schicke ich ihr noch eine WhatsApp-Nachricht, dass ich es heute leider nicht geschafft habe mich zu melden, aber ich es morgen versuchen werde. Wenige Sekunden später kommt die Antwort: „Morgen bin ich beim Yoga, hast du Mittwoch Zeit?“ Ich schaue in meinen Kalender, Mittwoch ist schlecht. Wir schreiben noch ein wenig hin und her, um einen Termin zu finden. Ich frage mich: Wann fing der Irrsinn eigentlich an, dass wir uns fürs Telefonieren verabreden, statt den Hörer einfach in die Hand zu nehmen und unsere Freunde spontan anzurufen?

 

Nur mal eben die Mails checken

 

Aus „NurmalebendieMailschecken“ werden schnell Stunden. Stunden, die uns hinterher für andere Sachen fehlen. Für das Buch, das wir lesen möchten, für das Treffen mit unseren Freunden, für das Telefonat mit unseren Eltern, für das Meditieren, das uns eigentlich so gut tut. Wir sind in der Dauerschleife online und fragen uns später, warum wir eigentlich so gestresst sind und zu nichts kommen. Komisch.

 

Schon länger machte sich in mir der Wunsch breit, einfach mal offline zu sein. Mich abzugrenzen von der permanenten Reizüberflutung. Meinen Nacken zu entspannen, von dem ständigen nach unten schauen. Erst ganz leise und dann immer stärker. Also habe ich es ausprobiert und einen Selbsttest gemacht. Die Frage war: Schaffe ich es ein paar Tage ohne Facebook & Co.? Schaffe ich es mein Handy vom Internet abzukoppeln und einfach mal offline zu sein?

 

Vor drei Wochen war es dann so weit. Ich habe am Freitag vor meinem Urlaub alles abgearbeitet und mich in den sozialen Medien natürlich noch verabschiedet. Mit einem Post, in dem ich verkündet habe, dass es in den nächsten Tagen und Wochen still um mich werden wird. Die Reaktionen kamen prompt und waren geteilt: „Echt jetzt? So ganz offline? Das würde ich nicht schaffen!“ sagten Freunde und schauten mich ungläubig an. Andere fanden die Idee super und längst überfällig (meine Mutter) und wiederum andere fragten beinahe schon irritiert „Kannst du dir das überhaupt leisten?“. Ja, kann ich! Denn nachdem ich alles abgearbeitet hatte und mein Urlaub beginnen konnte, habe ich es tatsächlich getan. Ich bin ich in die Einstellungen meines Smartphones und habe das mobile Netz deaktiviert und mein W-LAN ausgeschaltet. Das war zugegebenermaßen ein Moment, der mir nicht leicht fiel. Ich hatte irgendwie ein mulmiges Gefühl: Was ist, wenn ich was verpasse? Plötzlich war sie da: Die fear of missing out, kurz FOMO, also die Angst etwas zu verpassen. Verdammt. Ich war unruhig und traute mir noch nichtmals selbst über den Weg das jetzt ein paar Tage durchzuhalten.

 

Als das Handy dann still in der Ecke lag, stand ich erstmal unschlüssig herum. Und jetzt? Was stelle ich jetzt mit meiner Zeit an? Da draußen schönes Wetter war, setzte ich mich erstmal auf unseren Balkon, schnappte mir mein neues Buch und begann zu lesen. Eine Seite, zwei Seiten, drei Seiten… Nach einiger Zeit (ich weiß nicht wie lange ich dort saß) kam mein Freund und runzelte die Stirn: Hast du nicht erst heute mit dem Buch angefangen und deutete fragend auf mein Lesezeichen, das so gut wie in der Hälfte des Buches steckte. Ich antwortete „Äh ja“, folgte seinem Blick und schaute jetzt genau so irritiert wie er. Wow, so viel hatte ich schon gelesen? Das erste Buch mit sage und schreibe 550 Seiten war am nächsten Tag ausgelesen. Das nennt man wohl im Flow sein. Sechs weitere Bücher, die nicht weniger umfangreich waren, folgten in den nächsten 3 Wochen. Wahnsinn wieviel man schafft, wenn man sich nicht ablenken lässt. Denn die ständigen Ablenkungen, die wir normalerweise im Alltag erfahren, gehen auf Kosten von Fokus und Tiefe, weshalb wir den sogenannten Flow-Zustand so selten überhaupt noch erfahren.

 

Da ich selbstständig bin, konnte ich das Handy natürlich nicht die ganzen 3 Wochen auslassen. Aber ich hielt mich dran, dass ich das Handy nur einmal am Tag anmachte um zu prüfen, ob etwas wichtiges eingegangen ist, meine Mails beantwortete und das Handy dann ganz schnell wieder ausmachte. Zumindest zu Beginn, denn ich will ehrlich sein: Was am Anfang so gut klappte, kam irgendwann ins Schwanken und ganz allmählich wurde die Online-Zeit wieder etwas länger und aus einmal Online-gehen wurden zweimal und so weiter. Ich spürte jedoch ziemlich schnell, dass das in die falsche Richtung geht und die anfängliche Unruhe, die ich verspürte, als ich das Handy ausmachte, verspürte ich jetzt, wenn ich das Handy anmachen musste. Denn war das Internet aus, stellte sich innerlich plötzlich solch eine Ruhe ein wie ich sie gar nicht mehr kannte. Ich war achtsam und mehr im Moment, im Augenblick. Bei mir. Ich war bei Gesprächen konzentrierter und fokussierter. Selbst bei solch alltäglichen Dingen wie beim Lesen oder beim Kochen. Eigentlich bei allem was ich tat und schnell war mir klar: Dieses Gefühl mag ich nicht mehr missen!

 

Und es wäre auch Quatsch. Denn einmal im Jahr ein paar Tage offline zu sein, bringt natürlich nichts. Das ist wie beim Essen: Wenn ich das ganze Jahr über Schoki und Pizza in mich hineinschaufele, reicht es nicht eine Woche lang auf Gemüse zu setzen und dann zu denken, danach ist alles wieder gut. Wie bei allem im Leben gilt: Die Regelmäßigkeit bringt es. Also heißt es für mich jetzt auch im Alltag öfters mal: Handy aus! Denn die Frage, ob ich es mir leisten kann, würde ich im Nachhinein anders beantworten: Bei all den positiven Auswirkungen kann ich es mir nicht leisten, nicht offline zu gehen!

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