Minimalismus

Gerade in der heutigen Zeit des Überflusses haben wir von allem Zuviel. Alles ist quasi immer und überall zugänglich. Und wenn es das mal nicht ist, bricht die große Panik aus. Das kennt jeder von uns, der mal verzweifelt auf ein WLAN-Signal gewartet hat oder vor einem verlängerten Wochenende einkaufen war. Wir überhäufen unseren Einkaufswagen mit Lebensmitteln, von denen wir wissen, dass wir sie niemals alle an den Feiertagen essen können. Selbst dann nicht, wenn plötzlich unsere Großfamilie unangekündigt vor der Tür steht. Und obwohl wir das wissen, tappen wir immer wieder neu in die Falle. Der Gedanke, an einem Feiertag plötzlich dazustehen und etwas nicht verfügbar zu haben macht uns Angst, nicht etwa die Sorge, dass wir verhungern. Wir kennen das nicht mehr. Gerade in den Großstädten gibt es immer eine Tankstelle, einen Späti oder einen Supermarkt am Hauptbahnhof bei dem wir notfalls einkaufen können. Gewöhnlich an 7 Tagen die Woche, 24 Stunden.

Und das spiegelt sich auch auf andere Bereiche unseres Lebens wieder. Bei der Arbeit gehen wir schon längst nicht bei einer Frage bei unserem Kollegen am Ende des Flurs vorbei. Auch greifen wir nicht nur aufs Telefon oder Emails zurück. Nein, wir nutzen außerdem Skype for Business, soziale Medien wie XING, Facebook oder Yammer, SharePoint, Slack oder Messenger wie WhatsApp. Und am besten alles gleichzeitig. War früher ein Kollege nicht am Platz, ist man halt am nächsten Tag nochmal bei ihm vorbeigegangen oder hat ihm einen Zettel auf den Schreibtisch gelegt. Heute skypen wir unsere Arbeitskollegen an, senden ihnen eine E-Mail, wenn sie nicht direkt antworten, um dann 5 Minuten später zum Telefonhörer zu greifen, ob derjenige sie schon erhalten hat und gelesen hat. Geht’s noch? Wo ist unsere Geduld hin, die Kunst abzuwarten? Warum erkoren wir jedes unserer Themen zum „Wenn ich nicht innerhalb der nächsten Minuten eine Antwort bekomme, geht die Welt unter“-Thema und stufen es als überlebenswichtig ein? Ich bin durchaus ein Fan der neuen Medien oder von modernen, schnellen Kommunkationsmitteln. Aber wir sollten einen vernünftigen Umgang mit ihnen finden.

Und wer kennt sie nicht: Die vielen überflüssigen Meetings, in den wir unsere kostbare Zeit absitzen? In denen viel geredet, aber umso weniger etwas gesagt wird. Die beendet werden, ohne eine Entscheidung getroffen zu haben. „Das müssen wir uns dann nochmal anschauen“, heißt es oft. Warum nicht jetzt, wo wir schon mal alle versammelt sind? Warum ist schon wieder niemand vorbereitet? Warum checken parallel alle ihre Mails (oder spielen die etwa Solitär?), anstatt sich gegenseitig zuzuhören und sich mit Respekt zu begegnen?

Auch die Werbung und unser Konsumwahn trägt zum „Zuviel“ bei. Wir verbringen so viel Zeit damit Dinge zu besorgen, die uns die Werbung vorgaukelt zu brauchen und die dann doch unbenutzt in unserer Schublade landen, dass uns diese Zeit für die Dinge fehlt, die uns wirklich erfüllen und die uns glücklich machen. Zeit für das Buch, das schon seit Wochen auf unserem Nachttisch liegt, für unsere Freundin, die wir schon so lange mal wieder besuchen wollten oder oder oder.

Zu viele Meetings im Job, zu viele private Termine und damit Freizeitstress, die Emailflut und ständige Erreichbarkeit, der Konsumwahn… in vielen Lebensbereichen würde es uns gut tun einen Gang zurückzuschalten und uns auf das Wesentliche zu beschränken. Jeder auf seine eigene Weise und in seinem eigenen Tempo.

Wie kommt es, dass wir oftmals gerade dann am glücklichsten sind, wenn wir nur ganz wenig Besitz bei uns haben? Sogar so wenig, das wir andere normalerweise für unzurechnungsfähig erklären würden, wenn sie uns sagen würden, wir müssten damit einige Zeit auskommen? Aber genauso ist es im Urlaub, wenn wir nur ein paar Shorts & Shirts im Gepäck haben und wir am Ende sogar feststellen, dass wir schon wieder zu viel eingepackt haben. Aber wenn wir entspannt, gelassen und ganz bei uns sind, braucht es gar nicht mehr. Dann genießen wir das Leben mit dem was wir haben. Genießen die Einfachheit, dass wir gar nicht so viele Wahlmöglichkeiten haben wie im Alltag und einfach das anziehen, was der Rucksack oder der Koffer hergibt. Uns die einfachen Nudeln mit Tomatensauce, die wir auf dem Campinggrill gezaubert haben, so unfassbar gut schmecken und uns nach einem langen, aufregenden Entdeckungstag so glücklich machen, wie es die 3 Gänge im Szenelokal selten machen. Wobei die auch nicht zu verachten sind. Aber wie so oft im Leben: Die Mischung macht´s und weniger ist manchmal mehr.

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